Hofladen: Diese Pilze stärken das Selbstbewusstsein

    Bergedorfer Zeitung / Lauenburgische Landeszeitung: Dienstag, 12. März 2013 17:01 - Von Katrin Bluhm

    Reinbek. Der Hofladen der Therapieeinrichtung "fördern & wohnen" verkauft erfolgreich Produkte der Bewohner von Sachsenwaldau. Wichtiger als die Einnahmen ist jedoch der Therapiezweck der Werkstattarbeit: Sie stärkt das Selbstwertgefühl der Bewohner.

    Wetterfeste, leuchtend rot-weiße Fliegenpilze mit den stattlichen Maßen von 35 mal 40 Zentimetern ziehen im Hofladen von Sachsenwaldau die Aufmerksamkeit auf sich. Hübsche Holzpferdchen, die jedes Kleinkind sofort zum Aufsitzen animieren, stammen aus der Abteilung Kaminholz. Auch Treppenstufen aus Baumscheiben sind im Angebot oder riesige Holzherzen, die mit der Kettensäge zugeschnitten wurden. Kleinere Baumscheiben werden in der Holzwerkstatt mit der Bohrmaschine zu Insektenhotels aufbereitet. Es gibt Nistkästen, Vogelhäuser, Holzschalen, bunt bemalte, auch österliche Figuren und vieles mehr.

    Die Schlosserei zaubert Gartendekorationen und Feuerschalen, die ihresgleichen suchen. Und aus der Stoffwerkstatt stammen praktische Taschen, retro-mäßig in Patchwork oder auch aus einer alten Jeans gearbeitet. „Der Hit sind die Sorgen-Ottos“, sagt Arijane Grant, Pressesprecherin der Einrichtung fördern&wohnen Hamburg. „Die Stoff-Beutel in skurriler Puppenform genäht, haben einen Reißverschluss-Mund. Alle Sorgen werden aufgeschrieben und er frisst sie auf. Jede Freundin wollte und hat schon einen“, sagt sie.

    Die Begeisterung, die die Angebote entfachen, erfreuen die Bewohner von Sachsenwaldau, die sie gefertigt haben und verkaufen. Anerkennung ist etwas, das die meisten von ihnen von ihrem Umfeld vorher kaum erfahren haben. Respekt und Wertschätzung zu vermitteln ist der wichtigste Ansatz der sozial-therapeutischen Einrichtung von fördern & wohnen Hamburg am äußersten Ende von Ohe. Sie nimmt Menschen auf, die sich aufgrund langjähriger Abhängigkeit von unterschiedlichen Suchtmitteln aus der Gesellschaft verabschiedet haben und unterstützt sie auf ihrem Weg aus der Isolation heraus. Dazu gehört auch ein tägliches Arbeitspensum in den Werkstätten.

    „Jeder, der hier aufgenommen wird, unterschreibt, dass er sich angepasst an die individuellen Möglichkeiten einbringt“, sagt Arijane Grant. „Sachsenwaldau ist keine Endstation. Das Ziel ist die Wiedereingliederung“, betont sie.

    Dafür allerdings müssen die etwa 160 Klienten, die hier leben, vieles wiedererlernen. „Das Vertrauen in sich und in die Umwelt ist nicht mehr da. Eigenverantwortliches Handeln, soziale Kompetenz, Druck aushalten zu können sind die Ziele“, erläutert sie und unterstreicht, dass das langwierige Prozesse sind. Oftmals müsse auch eine große Trauer überwunden werden, wenn den Klienten klar werde, was sie alles verloren haben.

    Neben der wohltuenden und den Tag strukturierenden Arbeit in den Werkstätten werden auch Köstlichkeiten in der Küche gezaubert. Von Marmelade über Rucola-Pesto bis hin zu Kräuterölen und Honig-Produkten. Zudem beginnt bald die Saison der Gärtnerei. „Wir ziehen Frühlings- und Sommerblumen. Es gibt Bio-Kräuter, -Obst, -Gemüse und Baumschulware“, erläutert Gärtnermeisterin Stephanie Haferkorn, die auch den Hofladen leitet. Schließlich stehen diverse Spiele – von „Packesel“ bis hin zu aufwendig gearbeiteten Schachbrettern Figuren – zum Verkauf. Die Papierwerkstatt ergänzt das Angebot mit jeder Menge fantasievoller Grußkarten.

    Freude und auch ein bisschen Stolz steht in den Augen des Kassierers, wenn er die Verkaufssumme errechnet. Natürlich kommt das auch bei den Produzenten der Kunstwerke an. „Es hebt das Selbstwertgefühl, wenn die Sachen verkauft werden. Das ist sehr wichtig“, sagt Juliane Chakrabarti, Leiterin der Einrichtung.

    Wer sich nach dem Einkauf oder einer Wanderung durch den Sachsenwald stärken will, kann das übrigens an jedem Tag von 11.30 bis 17 Uhr im „Café inTakt“, nur wenige Schritte vom Hofladen entfernt. Die täglich wechselnde Speisekarte ist im Internet unter www.foerdernundwohnen.de zu finden. Der Hofladen hat dienstags von 13 bis 15 Uhr, donnerstags von 10-11.30 und 13 bis 15 Uhr sowie freitags 13 bis 18 Uhr geöffnet.

    © Reportage: Bergedorfer Zeitung / Lauenburgische Landeszeitung - Katrin Bluhm

    Adresse der Einrichtung

    Verwaltungsgebäude und Hofladen

    Sachsenwaldau 8
    21465 Reinbek

    Tel. 041 04 / 97 13 51
    Fax. 041 04 / 97 13 70

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