„Lesen zwischen den Zeilen“
Jeder Mensch hat eine Sexualität. Deshalb spielt sie immer eine Rolle. Wenn Menschen mit einer psychischen Erkrankung leben, gewinnt das Thema jedoch an Bedeutung: Weil die Beziehung zum eigenen Körper unter der Krankheit leidet, weil traumatische Erfahrungen und Ängste dominieren, oder weil die Krankheit das sexuelle Verlangen steigert oder deutlich mindert. Nicht selten leidet darunter die sexuelle Selbstbestimmung.
Alle Werte und persönlichen Erfahrungen, die eine Person mitbringt, beeinflussen, wie sie anderen Menschen begegnen kann. Dieses Miteinander steht im Fokus einer Assistenz: Pädagogische Mitarbeitende begleiten Klient:innen mit psychischer Erkrankung im Alltag. Auch bei Suchterkrankung stehen sie zur Seite. Sie helfen bei Behördengängen, beim Umgang mit Geld und der beruflichen Orientierung. Aber auch zu alltäglichen Fragen, zu Freundschaft oder zu Partnerschaft und Liebe, beraten sie.
Die Bezugsassistent:innen in der Sozialpsychiatrie (ASP) von Fördern & Wohnen beraten und begleiten Menschen mit psychischen Erkrankungen in der eigenen Wohnung. Mit Mitarbeiterin Kerstin Estherr werfen wir einen Blick auf die Details.
Frau Estherr, als Bezugsassistentin begleiten Sie Klient:innen im eigenen Wohnraum und arbeiten gemeinsam mit den Klient:innen daran, ihre Ziele zu erreichen. Auch Themen rund um Sexualität kommen in der Begleitung zu Wort. Woran merken Sie, dass Klient:innen Bedarf nach sexueller Aufklärung haben?
Je nach Krankheitsbild gehen die Klient:innen sehr unterschiedlich mit diesem Thema um. Manche sprechen das Thema Sexualität und Gefühle rund um das Thema Beziehungen, Partnerschaft und Liebe offen und freizügig an. Für andere mag die ASP nicht der richtige Ort sein, um diese intimen Themen zu platzieren.
Bei Klient:innen, deren Sexualität möglicherweise durch ihr Krankheitsbild, ihre Persönlichkeit oder durch Medikamente so gesteuert wird, dass das Ausleben der Sexualität unter Umständen in einen ihren Gesundheitszustand gefährdenden Bereich reicht, geht es vordergründig um die Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten und wie man sich und andere davor schützen kann.
Auch das Ausbleiben von sexuellen Wünschen und Gefühlen kann sehr belastend sein und einen Gesprächsbedarf darstellen.
Wie können Bezugsassistenzen Ihre Klient:innen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben unterstützen?
Wenn erkennbar wird, dass eine Klientin oder ein Klient sexuellen Austausch anbietet und gewährt, weil es ihr oder ihm nicht möglich ist, eigene Grenzen wahrzunehmen, diese zu benennen und einzuhalten. Und im Gegenzug dazu: die eigenen Wünsche weder erkennen noch formulieren kann. Das kann im Erlebten begründet liegen und zudem ein sehr schambehaftetes Thema sein. Hier ist sicher „ein Lesen zwischen den Zeilen“ und ein behutsamer Umgang notwendig.
Die Themen Sexualität und Liebe sind schambehaftet, sogar tabuisiert. Wie wichtig ist dennoch ein offenes Gespräch in der Assistenzbeziehung, und wie kann es trotz Scham gelingen?
Unterstützend helfen kann, mit den Klient:innen eine Sprache für das Thema Sexualität zu finden sowie die jeweils eigene Körperwahrnehmung der Klient:innen zu fördern. Das setzt zunächst eine vertrauensvolle Beziehungsarbeit voraus.
Methodisch wäre auch eine kreative Umsetzung möglich, etwa durch gemeinsames Betrachten von Bildern, Lesen von Texten, Entspannungsübungen z.B. einem BodyScan, mit dem Fokus auf die Körperwahrnehmung.
Zum Thema Scham haben die Mitarbeitenden der ASP kürzlich an einer sehr interessanten Fortbildung mit dem Titel „Der Würde Raum geben“ teilgenommen. Allgemein denke ich, dass Bezugsassistenzen sich selbst mit dem Thema sicher fühlen sollten, wenn sie mit Klient:innen über Sexualität sprechen, um nicht selbst in eine Überforderungssituation zu geraten.

