Leben auf der Straße ohne Gewalt? Einzelfälle.
Altersarmut, Gewalterleben, Vernachlässigung: Obdachlosigkeit bei Frauen hat viele Gesichter. Manche begeben sich in Zweckbeziehungen, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Manche verwahrlosen bewusst zum Schutz vor Übergriffen auf der Straße. Manche fliehen aus Gewalt in der Familie oder in der Partnerschaft. Manche verlieren ihre Wohnung aufgrund von steigenden Mieten.
Für all diese Frauen bietet die Notübernachtungsstelle FrauenZimmer von F&W Schutz und Obhut – kurzfristig und unbürokratisch.
Plätze Tag und Nacht
„Die Gewalt ist in jeder Schicht spürbar und sichtbar. Dass eine Frau keine Gewalt erfahren hat, bevor sie hier ankommt, ist wirklich ein Einzelfall“,
schildert Teamleitung Melida Tastan.
60 Übernachtungsplätze gibt es hier, das Personal von Security bis zur Teamleitung ist weiblich. Ein Dach über dem Kopf ist das vordringlichste Ziel. Frauen können im FrauenZimmer essen und trinken, sich waschen und zur Ruhe kommen. Auch am Tag können sie bleiben.
Lange waren Männer die vorherrschende Klientel unter Obdachlosen. „Aber der Anteil an Frauen wächst stark an“, sagt Tastan, „auch wenn viele immer noch verdeckt obdachlos sind und die Dunkelziffer hoch ist.“ Viele von ihnen tragen schwere Last: psychische Erkrankungen, Sucht.
Team ist mehrsprachig und geschult
Doch: Wenn eine Frau aus häuslicher Gewalt flüchtet und auch außerhalb gefährdet ist, kann sie im FrauenZimmer nicht bleiben, denn die Einrichtung ist keine Schutzeinrichtung. Das Team nimmt die Betroffene erstmal auf und klärt, wie akut die Situation ist. In vielen Sprachen ist der erste Kontakt möglich.
Das Team prüft jeden Fall individuell und sorgt sich um eine gute Anschlussmaßnahme.
„Wir kooperieren mit Kliniken, polizeilichen Stellen und anderen Einrichtungen und ebnen den Weg, damit die Frauen sicher dorthin kommen“,
berichtet Tastan.
Ein eigenes Zimmer, um Ruhe zu finden
Wenige Türen von der Not-Übernachtungsstätte entfernt befindet sich das Übergangswohnen. Hier können Frauen ein Zimmer auf Zeit erhalten. Sie müssen dafür die Anforderungen an die sogenannte „Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten (§67 SGB XII)“ erfüllen. Gemeinsam mit Friederike Echterhoff, die das Übergangswohnen leitet, und ihrem Team suchen die Frauen von dort aus eine eigene Wohnung oder wechseln in eine andere Einrichtung. Viele erarbeiten eine neue Perspektive, um aus der prekären Lebenssituation herauszufinden. Sie können sich stabilisieren und anfangen, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten.
„Eine Ausbildung und eine eigene Arbeit sind die wichtigste Prävention, sich nicht wieder in einer Abhängigkeitsbeziehung zu begeben“,
sagt Echterhoff. Deshalb begleitet das Team junge Frauen, die in einer Ausbildung sind, nach Möglichkeit durch diese Zeit.
„Die Wohnraumnot begünstigt Gewalt an Frauen, die finanziell abhängig sind. Nur bezahlbarer Wohnraum kann helfen“, macht sie deutlich. Dazu gehörten der Ausbau der Unterstützungsangebote und Konzepte wie Housing First. Menschen erhalten bedingungslos eine Wohnung, um dem Kreislauf der Obdachlosigkeit und Gewalt zu entkommen. „Denn Schutz vor Gewalt ist ein Menschenrecht.“

