Historie von F&W

Vier Leben von Tausenden

Zentrum an der Dorothea-Buck-Straße in Hamburg-Farmsen: Wohnhäuser erinnern an Insass:innen des ehemaligen Versorgungsheims
27. Januar 2026
Vier Porträtfotos

Fotos: Staatsarchiv Hamburg

Am 27. Januar gedenkt Deutschland der Millionen Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet und entrechtet wurden. Über 6 Millionen Jüdinnen und Juden wurden bis zum Kriegsende ermordet. Auch Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen, Homosexuelle, politische Gegner:innen und regimekritische Intellektuelle, Schwarze Deutsche und andere Gruppen waren Opfer der nationalsozialistischen Ideologie. Sie wurden gezielt entrechtet und enteignet, inhaftiert und getötet. Sie starben an Hunger, Krankheit, Misshandlung oder wurden hingerichtet.

Auch in der Historie von Fördern & Wohnen findet sich dieses schreckliche Kapitel der deutschen Geschichte. Aus den Hamburger „Wohlfahrtsanstalten“ entstanden die direkten Vorgänger-Institutionen von Fördern & Wohnen: zunächst das Amt für Heime, ab 1991 der Landesbetrieb Pflegen und Wohnen und ab 1997 die Anstalt öffentlichen Rechts Pflegen und Wohnen AöR. 

Zwangsfürsorge im Versorgungsheim Farmsen

1904 ging das Versorgungsheim Farmsen als Zweigstelle des Werk- und Armenhauses Hamburg in Betrieb. Nach Farmsen kamen Menschen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprachen. Etwa 1.400 Personen lebten 1930 hier und sollten durch Arbeitsmaßnahmen „rehabilitiert“ werden. Tatsächlich entstand ein Ort der Zwangsfürsorge.

Obdachlose, Suchtkranke, Prostituierte und Menschen mit Behinderung wurden geschlossen untergebracht. „Asoziale und Schwachsinnige“ wurden sie entwürdigend genannt. Wer sich nicht fügte, wurde hart bestraft. Sie wurden entmündigt, zu harter Arbeit auf dem Feld oder in den Anstaltsbetrieben gezwungen und körperlich gezüchtigt.

Während des Nationalsozialismus intensivierte man diese Praxis noch. Frauen wurden zwangssterilisiert. Das Versorgungsheim überstellte Menschen auch an Einrichtungen, von denen Transporte in Tötungsanstalten führten. Der damalige Leiter der Hamburger Anstalten blieb bis 1950 im Amt.

Im Fokus: 4 Biografien

Unter den tausenden Insass:innen waren auch der 24-jährige Willy Griem, der 32-jährige Willy Böhme, die 29-jährige Frieda Alt und Elsa Steinhoff, die Anfang 30 war.

Willy Griem wurde als „geistesschwach“ entmündigt. Da er die Arbeit in der Bewahranstalt verweigerte, mehrmals floh und Kartoffeln stahl, musste er viel Zeit in einer Isolierzelle verbringen. 4 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs beauftragte das Landgericht einen Arzt, Willy Griems „Zurechnungsfähigkeit“ zu überprüfen – aber seine volle Handlungsfreiheit erhielt er nie zurück. Er lebte noch bis 1959 in dem Versorgungsheim und starb mit 61 Jahren im Krankenhaus. 

Willy Böhme lebte 45 Jahre seines Lebens im Versorgungsheim Farmsen. In den 20ern als Kaiarbeiter und Tagelöhner im Hafen tätig, wurde er mit 28 zum ersten Mal eingewiesen – vermutlich aufgrund einer Alkoholsucht. Er wurde während der NS-Diktatur inhaftiert, zwangssterilisiert und zu harter Arbeit gezwungen. Aber auch über die NS-Zeit hinaus blieb er aufgrund einer ihm zugeschriebenen „Geistesschwäche“ entmündigt: bis zu seinem Lebensende.

Frieda Alt und Elsa Steinhoff verdienten beide als Sexarbeiterinnen ihren Lebensunterhalt. Weil sie den verpflichtenden und sehr unangenehmen Kontrolluntersuchungen auf Geschlechtskrankheiten nicht nachkamen, wurden sie im Versorgungsheim eingesperrt und dort zwangsuntersucht. 

Nach ihrer Entlassung nahm Frieda Alt eine andere Identität an und lebte auf Sankt Pauli. Sie wurde aber im Zuge einer Razzia von der Polizei erneut gefasst. Elsa Steinhoff arbeitete in einer Brauerei. Über ihr Leben danach wissen wir nichts mehr: Die Spuren beider Frauen verloren sich.

Porträt Willy Griem

Willy Griem hatte vier Geschwister, sein Vater war Schlosser. Er besuchte die Volksschule. 1930 beschloss das Amtsgericht, den 15-Jährigen aus seiner Familie herauszunehmen und in ein Jugendheim zu geben. Dort musste er fünf Jahre lang bleiben. Ab 1935 leistete er Arbeitsdienst, 1937 kam er zum Militär. Wegen einer „Charakterveränderung“ wurde er 1938 in das Heil- und Pflegeheim in Hamburg-Langenhorn überwiesen. Dortige Ärzte befanden, dass die Persönlichkeitsveränderung auf eine „Kopfgrippe“ zurückzuführen sei. An einer solchen hatte er als kleines Kind gelitten.

Im Mai 1939 entmündigte das Hamburger Amtsgericht den 24-jährigen Willy Griem als angeblich „geistesschwach“. „Gr[iem] muss einmal feste Hand spüren“, schrieb sein Vormund über ihn. Wegen Unterschlagung wurde er wenig später im Gefängnis Harburg inhaftiert und von dort aus direkt in die Bewahranstalt Farmsen gebracht. Weil er die Arbeit verweigerte und „unter den Mitinsassen hetzte“, die Feldarbeit bei Schnee sei „eine große Schinderei der Insassen seitens der Anstalt“ wurde er in eine Isolierzelle gesperrt. Mehrmals floh er aus der Anstalt. Einmal entwendete er auch Kartoffeln, weil er Hunger hatte.

1949 – vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Diktatur – beauftragte das Hamburger Landgericht einen Arzt, die „Zurechnungsfähigkeit“ von Willy Griem zu überprüfen. Der Mediziner stellte fest, dass sich bei diesem „Intelligenzdefekte nicht deutlich nachweisen“ ließen. Willy Griem selbst sagte dazu, dass er nicht darüber hinwegkäme, einerseits für voll verantwortlich, andererseits für vermindert zurechnungsfähig gehalten zu werden. Bis 1959 lebte er im Versorgungsheim Farmsen, dann wurde er in ein anderes Hamburger Heim verlegt. Er starb 1976 mit 61 Jahren im Krankenhaus Eilbek, in das er wegen Rheumas und eines Magengeschwürs eingewiesen worden war.
Foto: Staatsarchiv Hamburg
Text: Frauke Steinhäuser
September 2023
www.gedenkstaetten-in-hamburg.de

Porträt Willy Böhme

Der Hamburger Willy Böhme besuchte die damalige Hilfsschule, wurde Kaiarbeiter und verlor 1923 wegen Arbeitsmangel seine Anstellung. Danach arbeitete er als Tagelöhner im Hafen. Er wohnte bei seinen Eltern in Hammerbrook. Im Mai 1927 wies ihn das Allgemeine Krankenhaus Eppendorf vorübergehend in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg ein. Offenbar war er seit Längerem alkoholkrank. 1928 kam er erneut nach Friedrichsberg und blieb dort über drei Jahre, bis die sogenannte Trinkerfürsorge ihn 1931 in das Versorgungsheim Farmsen zwangseinwies. 1936 beschloss das Hamburger „Erbgesundheitsgericht“ seine Zwangssterilisation. Danach wurde er aus dem Farmsener Heim in dessen Zweiganstalt bei Cuxhaven eingewiesen. Dort sollten überwiegend alkoholkranke Männer aus Hamburg durch harte körperliche Arbeit diszipliniert werden. Die meisten hatten sich in der Zwangsbehandlung in Farmsen widersetzt. 

Im Herbst 1937 wurde Willy Böhme wegen angeblicher „Geistesschwäche“ entmündigt. Als die Anstalt bei Cuxhaven 1939 geräumt werden musste, wurde er zusammen mit den anderen Insassen nach Alt-Erfrade bei Bad Segeberg verlegt. Nach Kriegsende 1945 kam er zurück in das Versorgungsheim Farmsen. Er blieb entmündigt. 1960 bestätigte das Hamburger Amtsgericht seine Zwangsunterbringung in einer geschlossenen Abteilung. Willy Böhme selbst, der inzwischen 61 Jahre alt war, hielt diese Entscheidung auf Nachfrage für richtig. „Klagen oder Wünsche“ hätte er nicht. Ein Leben außerhalb der vorgegebenen Strukturen innerhalb der Anstalt – dazu wäre er kaum noch in der Lage gewesen. Er bat nur noch einmal um einen Gutschein für einen Anzug, den er schon zwei Jahre zuvor beantragt hatte. Willy Böhme starb 1976 mit 77 Jahren im Versorgungsheim Farmsen. Er hatte 45 Jahre lang dort gelebt.
Foto: Staatsarchiv Hamburg
Text: Frauke Steinhäuser
September 2023
www.gedenkstaetten-in-hamburg.de

Porträt Frieda Alt

Frieda Alt wurde in dem kleinen Ort Siersleben in Sachsen-Anhalt geboren. Um 1937 kam sie aus Magdeburg nach Hamburg und begann dort als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im April 1939 zeigte ein Kunde sie an, weil sie ihn mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hätte. Ein anderer Kunde hatte sie infiziert. Zu der Zeit hatte Frieda Alt keine feste Wohnung. Sie wurde zunächst zur Behandlung in das Allgemeine Krankenhaus Barmbek eingewiesen, danach verurteilte das Amtsgericht Hamburg sie zu einem Monat Gefängnis, weil sie den verpflichtenden Kontrolluntersuchungen auf Geschlechtskrankheiten hin nicht nachgekommen war.

Aus der anschließenden Zwangsunterbringung in der Bewahranstalt Farmsen gelang ihr im Juli 1940 die Flucht. In St. Pauli fand sie ein Zimmer zur Untermiete. Sie hatte den Meldeschein einer anderen Frau gefunden und lebte nun unter deren Namen. Doch bereits vier Monate später verhaftete die Polizei sie im Zuge einer Razzia nach „gewerbliche Unzucht treibenden Frauen“ in einem Lokal in der Hamburger Neustadt. Im Verhör bekannte sie, dass sie mit falscher Identität gelebt hatte. Nun verurteilte das Hamburger Amtsgericht sie wegen „Kontrollentziehung“ zu vier Monaten Gefängnis. Wie ihr Leben weiter verlief, ist unbekannt.
Foto: Staatsarchiv Hamburg
Text: Frauke Steinhäuser
September 2023
www.gedenkstaetten-in-hamburg.de

Porträt Elsa Steinhoff

Über das Leben von Elsa Steinhoff ist fast nichts bekannt. Sie kam aus Rellingen bei Hamburg und war nach dem Schulbesuch zunächst als Haushaltshilfe beschäftigt. 1926, im Alter von 20 Jahren infizierte sie sich mit der Geschlechtskrankheit Gonorrhoe. 1934 steckte sie sich mit Syphilis an, einer ebenfalls sexuell übertragbaren Infektionskrankheit. Ob sie zu der Zeit bereits als Sexarbeiterin ihr Einkommen verdiente, ist ungewiss.

Ab Anfang 1937 lebte sie als Sexarbeiterin zur Untermiete in Hamburg-St. Pauli, zunächst in der Schmuckstraße. Lange konnte sie dort jedoch nicht bleiben und wechselte auch in den folgenden Monaten erneut die Unterkunft. Sie besaß nur das, was sie in einem Koffer bei sich trug. Anfangs musste sie sich einmal, später zweimal pro Woche im Gesundheitsamt nahe dem Hauptbahnhof der unangenehmen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten hin unterziehen. Das betraf viele Sexarbeiterinnen, ihre Kunden mussten sich nicht testen lassen. Nachdem Elsa Steinhoff mehrmals nicht erschienen war, ließ das Gesundheitsamt sie im Juni 1937 von der Polizei suchen und in die Untersuchungsstelle bringen.

Im Juni 1938 wurde sie „bis auf Weiteres“ zunächst im Frauen-KZ Moringen in Niedersachsen inhaftiert und nach dessen Schließung im Mai 1939 im Frauen-KZ Ravensbrück in Brandenburg. Nach der Entlassung Ende Februar 1941 zog Elsa Steinhoff wieder nach Hamburg. Dort arbeitete sie zunächst bei der Bavaria-Brauerei in St. Pauli, musste sich jedoch weiterhin regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten hin untersuchen lassen. Danach verlieren sich ihre Spuren.
Foto: Staatsarchiv Hamburg
Text: Frauke Steinhäuser
September 2023
www.gedenkstaetten-in-hamburg.de

Heute Lebensmittelpunkt für Menschen mit psychischer Erkrankung 

Heute ist aus dem ehemals umzäunten Gelände rund um die Dorothea-Buck-Straße ein offenes, lebendiges Quartier geworden. Einrichtungen für Menschen mit seelischer Behinderung, ein Senioren-Wohnen und Mietwohnungen von F&W befinden sich hier. 2023 erinnerte eine Ausstellung im Freien an damalige Insass:innen des Versorgungsheims. Ein Ort des Gedenkens ist in Vorbereitung. 

Wohnhäuser, die 2024 fertiggestellt wurden und Wohnraum für psychisch erkrankte Menschen bieten, haben wir nach den früheren Insass:innen Willy Griem, Elsa Steinhoff, Willy Böhme und Frieda Alt benannt. So halten wir die Erinnerung an Menschen wach, die zur Zeit des Nationalsozialismus und darüber hinaus entrechtet wurden.

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