Vom Armenhaus zum Sozialunternehmen – 400 Jahre fördern und wohnen

fördern und wohnen wurde im Jahr 2007 als Anstalt öffentlichen Rechts gegründet. Doch die Geschichte des Unternehmens reicht 400 Jahre zurück.

1619 – Werk- und Zuchthaus am Alstertor

Im Jahr 1619 wurde am Alstertor in der Hamburger Innenstadt der Grundstein für das „Werk- und Zuchthaus“ gelegt. Mit dieser Einrichtung fand die soziale Fürsorge in Hamburg ihre erste städtische Institution. Aus heutiger Sicht ist das Werk- und Zuchthaus eine befremdende Einrichtung: Strafvollzug, Flüchtlings- und Obdachlosenunterbringung waren miteinander vermischt. Die Menschen mussten Zwangsarbeit und harte Bestrafung für Fehlverhalten erdulden. Doch vor 400 Jahren war dergleichen üblich. Die Überzeugung, schwere körperliche Arbeit sei das Mittel, um Straftäter von weiteren Straftaten abzuhalten, prägt viele Institutionen der damaligen Zeit.

Aus der Zwangseinrichtung entwickelte sich ein Fortschritt für viele Hilfsbedürftige: Sie fanden ein sicheres Dach über dem Kopf, bekamen zu essen und wurden medizinisch versorgt.

1852 – Werk- und Armenhauses in Farmsen

Es dauerte über 200 Jahre, bis Strafvollzug und Fürsorge für obdachlose Menschen voneinander getrennt wurden. Mit der Gründung des „Werk- und Armenhauses“ 1852 in Farmsen legte die Stadt Hamburg den eigentlichen Grundstein für die staatlich finanzierte Wohlfahrtspflege, der f & w bis heute verpflichtet ist.

Frühes 20. Jahrhundert – Wohlfahrt und Willkürherrschaft

Nach dem Ersten Weltkrieg änderten sich die gesellschaftlichen Gewichte – und mit ihnen die Begriffe: Aus dem Werk- und Armenhaus wurde eine „Wohlfahrtsanstalt“ für Obdachlose, psychisch Kranke, wohnungslose Frauen mit Kindern und weitere hilfebedürftige Menschen. Bereits 1913 war die Notübernachtungsstätte für obdachlose Männer „Pik As“ in der Neustadt errichtet worden.

Ab 1933 führte die nationalsozialistische Ideologie zu einer Verkehrung der staatlichen Wohlfahrt. Obdachlose, Prostituierte und Suchtkranke, die auf staatliche Institutionen wie das „Versorgungsheim Farmsen“ vertrauten, wurden Opfer staatlicher Verbrechen. Die Erinnerung an diesen Missbrauch städtischer Sozialeinrichtungen hält f & w wach.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs machten Zehntausende Hamburger obdachlos. In Baracken, die vom Volksmund  das Etikett „Nissenhütten“ bekamen, wurden sie zusammen mit Flüchtlingen und Kriegsbeschädigten versorgt.

1960er-Jahre – Reformen

In den 60er-Jahren prägten neue Erkenntnisse und Gesetze das System der öffentlichen Fürsorge. Mit dem Bundessozialhilfegesetz wurde erstmals ein individueller Rechtsanspruch zur Überwindung sozialer Probleme geschaffen. Betroffene Menschen sollten aus einer Jahrhunderte währenden Opferrolle herausgeführt werden. Das damalige „Amt für Heime“ setzte diese Reformen nach und nach in individuelle Förderprogramme statt bloßer Versorgung um.

1980er- und 90er-Jahre – Wohnschiffe für Tausende

In den 1980er- und 90er-Jahren gelangten – vor allem wegen der Balkan-Kriege – tausende Asylbewerber, Spätaussiedler und Flüchtlinge nach Hamburg. Innerhalb kürzester Zeit mussten Quartiere geschaffen werden. Auf Wohnschiffen wie der „Bibby Altona“ vor Övelgönne lebten tausende Menschen auf engem Raum. 

1991 wurde das Amt für Heime durch den Landesbetrieb Pflegen & Wohnen abgelöst. Dieser arbeitete zunehmend selbstständig und wurde 1997 in eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) mit den drei Geschäftsbereichen Pflegezentren, Wohnunterkünfte und Eingliederungshilfe überführt.

21. Jahrhundert – Herausforderung „Flüchtlingskrise“

2007 wurden die Pflegezentren privatisiert. Die in öffentlicher Hand verbleibenden Geschäftsbereiche Wohnunterkünfte und Eingliederungshilfe erhielten den Namen f & w fördern und wohnen AöR.

Im Sommer 2015 begann für f & w eine immense Herausforderung: Bis zu 500 Flüchtlinge täglich kamen bis zum Herbst 2016 in der Stadt an. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ zwang f & w, nahezu täglich neue Unterkünfte zu eröffnen und die Unternehmensgröße innerhalb kürzester Zeit fast zu verdreifachen. Gemeinsam mit vielen städtischen und privaten Akteuren gelang es, allen Neuankommenden ein – wenn auch oft nur notdürftiges – Dach über dem Kopf zu geben.

Menschen mit Behinderung haben seit 2017 durch das Bundesteilhabegesetz noch bessere Möglichkeiten, selbst über ihr Leben zu bestimmen. In den Einrichtungen von f & w erhalten Klientinnen und Klienten seitdem eigene Mietverträge. Mitbestimmung ist in Form von Klientenbeiräten längst Standard.

2017 erhielt f & w mit einer Gesetzesänderung den Auftrag der Bürgerschaft, sich im Bau und Betrieb von Sozialwohnungen zu engagieren. Seitdem schafft f & w neuen, geförderten Wohnraum für Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance haben.

Susanne Schwendtke, Pressesprecherin
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