Vom Armenhaus zum Sozialunternehmen – 400 Jahre Fördern & Wohnen

Fördern & Wohnen wurde im Jahr 2007 als Anstalt öffentlichen Rechts gegründet. Doch die Geschichte des Unternehmens reicht über 400 Jahre zurück.

17. bis 18. Jahrhundert – Gründung des Werk- und Zuchthauses

Die Versorgung von Armen und Obdachlosen wird in Hamburg ab dem frühen 17. Jahrhundert  zur städtischen Aufgabe. Vor dem Hintergrund von Reformation und 30-jährigem Krieg errichtet die Stadt 1619 am Alstertor das „Werk- und Zuchthaus“, das Armenunterkunft und Arbeitsanstalt zugleich ist.

Disziplinierung durch Arbeit

Denn die öffentliche Fürsorge verlangt eine Gegenleistung: Arbeit in den hauseigenen Produktionsstätten soll die Armen disziplinieren, von Straftaten und Bettelei abhalten und sie zu einem nützlichen Teil der Gesellschaft machen. Die Grenze zum Strafvollzug ist fließend: „Mutwillig“ Arme, wie Trinker, Spielsüchtige oder Kleinkriminelle werden zwangseingewiesen und haben keinen Ausgang. Das Personal hat die Aufgabe zu überwachen und zu disziplinieren. Bei Fehltritten verhängt es harte Strafen.

Unterkunft und Broterwerb für Arme

Für viele Menschen, die freiwillig kommen, ist das Werk- und Zuchthaus eine Chance, Geld zu verdienen, eine Unterkunft zu haben und verpflegt zu werden.

 

19. Jahrhundert – Ende des Strafvollzugs im Werk- und Zuchthaus

Trotz der organisatorischen Trennung in ein Armen- und ein Zuchthaus im Jahr 1811, änderte sich nicht viel an der Vermischung von Strafvollzug, Zwangsarbeit und Armenfürsorge.

1842 wird das Werk- und Zuchthaus am Alstertor durch den „großen Brand von Hamburg“ zerstört. 1853 errichtet die Stadt in Barmbek das neue „Werk- und Armenhaus“.

Ende des Strafvollzugs

Die Aufgabe der Haftvollstreckung endet jedoch erst 1879, als die Fuhlsbüttler Zweigstelle in die Zuständigkeit des nebenan errichteten neuen Hamburger Zentralgefängnisses übergeht.

 

Beginn des 20. Jahrhunderts – 1. Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise

Nach 1. Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise steigt die Zahl der Menschen, die auf öffentliche Fürsorge angewiesen sind, extrem an. Die Stadt reagiert mit einer Verwaltungsreform: 1919 wird das Werk- und Armenhaus in „Staatliches Versorgungsheim“ umbenannt. 1920 folgt die Gründung des Wohlfahrtsamtes, der Vorgängerinstitution der heutigen Sozialbehörde. Die ihr zugeordneten Einrichtungen heißen jetzt „Wohlfahrtsanstalten“ und werden umfassend ausgebaut.

Fortschrittliches Wohnen für Senioren

In Groß Borstel eröffnet 1929 Deutschlands modernstes Altersheim. Während in einigen Anstalten die Qualität der Unterbringung und Betreuung steigt, wird in anderen das Prinzip der angeordneten Zwangsfürsorge verfestigt.

Polizei-Asyl für Obdachlose

Die schon 1913 eröffnete, städtische Notübernachtungsstätte für Obdachlose, das heutige Pik As, untersteht bis in die 30er-Jahre der Polizeibehörde.

     

Mitte des 20. Jahrhunderts – Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Menschen, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen, kommen – meist unfreiwillig – ins Versorgungsheim Farmsen. Die große Zweigestelle ist seit 1904 in Betrieb. Um die Öffentlichkeit vor ihnen zu „schützen“ werden Alkoholkranke, Prostituierte, „Asoziale“ und Menschen mit Behinderung zwangseingewiesen und geschlossen untergebracht. Sie werden entmündigt, zu harter Arbeit auf dem Feld oder in den Anstaltsbetrieben gezwungen und körperlich gezüchtigt.

Verbrechen im Nationalsozialismus

Während des Nationalsozialismus intensiviert man diese Praxis, auch Jugendliche, die sich der Hitler-Jugend verweigern, und Homosexuelle werden in Farmsen interniert. Das Versorgungsheim lässt Menschen zwangsweise sterilisieren und überstellt sie an Einrichtungen, von denen Transporte in Tötungsanstalten führen.

Die Erinnerung an diesen Missbrauch städtischer Sozialeinrichtungen hält fördern und wohnen wach. Wir haben gemeinsam mit Pflegen & Wohnen Hamburg die Initiative ergriffen, auf dem Gelände des ehemaligen Versorgungsheims Farmsen einen Erinnerungsort zu gestalten.

Große Wohnungsnot nach dem Krieg

Der Zweite Weltkrieg hinterlässt ein völlig zerstörtes Hamburg, die Wohnungsnot ist massiv. Die Bevölkerung kommt in Behelfsunterkünften wie „Nissenhütten“ und in ausgedienten Kasernen unter.

     

1960er – Reformen


1962 tritt das Bundessozialhilfegesetz in Kraft. Ab jetzt besteht ein Rechtsanspruch auf staatliche Hilfe für alle Menschen, die in einer Notlage sind. Mitsprache und Mündigkeit der Betroffenen rücken in den Fokus. Darunter fallen nicht mehr nur Arme oder Mittellose, sondern auch Menschen mit Behinderung. Im Gesetz ist die Eingliederungshilfe erstmals verankert. Die Unterstützung richtet sich nach dem individuellen Bedarf und ist nicht mehr an Gegenleistungen gebunden.

Es folgen weitere Reformen: 1968 erkennt das Bundessozialgericht Alkoholismus als Krankheit an. 1969 etabliert Hamburg als erstes Bundesland die Mitsprache von Bewohnerinnen und Bewohnern der Pflegeheime in Heimbeiräten.

Neue Wohnsiedlungen für Obdachlose

Die allgemeine wirtschaftliche Situation in der Stadt wird immer besser, und die wohlhabender werdende Gesellschaft nimmt Obdachlosigkeit zunehmend als soziale Herausforderung wahr. Bis 1970 entstehen in Hamburg 7 Wohnsiedlungen für obdachlose Familien. Die Wohnsituation ist beengt bis prekär, so dass man sich verstärkt darauf besinnt, obdachlose Menschen in regulären Wohnraum zu vermitteln und dabei intensiv sozialpädagogisch zu begleiten.

     

1990er – Neue Strukturen

Anfang der 1990er-Jahre suchen innerhalb kurzer Zeit hunderttausende Menschen in Deutschland Schutz vor den Jugoslawien-Kriegen und anderen Konflikten. Hinzu kommen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler aus der Sowjetunion und Übersiedlerinnen und Übersiedler aus der ehemaligen DDR.

In Hamburg verdoppelt sich die Zahl der Asylsuchenden binnen eines Jahres von rund 19.700 in 1992 auf 42.000 im Folgejahr.

Für ihre Unterbringung sind die direkten Vorgänger-Institutionen von fördern und wohnen zuständig: Zunächst das Amt für Heime, ab 1991 der Landesbetrieb Pflegen und Wohnen und ab 1997 die Anstalt öffentlichen Rechts Pflegen und Wohnen AöR.

Maßnahmen gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit

Pflegen und Wohnen betreibt die städtischen Alters- und Pflegeheime, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Unterkünfte für Wohnungslose. Da diese Unterkünfte nicht ausreichen, kommen Asylsuchende provisorisch in Turnhallen, auf Campingplätzen, in Bunkern und auf Wohnschiffen unter. Gleichzeitig entstehen die ersten Containeranlagen und Pavillondörfer, und Hamburg führt 1992 das Winternotprogramm für Obdachlose ein.

Schrittweise Verbesserung der Wohnsituation…

Seit 1987 beschäftigt das Amt für Heime eine eigene Bauabteilung, die die Errichtung neuer Standorte begleitet und für ihre Instandhaltung zuständig ist. Zunehmend gelingt es, Gemeinschaftsunterkünfte abzubauen und Geflüchtete in Unterkünften mit wohnungsähnlichen Grundrissen unterzubringen. Auch für die Verwaltung und den Betrieb der Unterkünfte sind Mitarbeitende des Amtes und später des Landesbetriebs zuständig.

… und der sozialen Beratung

Die „Sozialen Dienste“ sind bis 1996 bei der damaligen Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (BAGS) angesiedelt. Sie gehen im selben Jahr an Pflegen und Wohnen über, das 1997 in eine Anstalt öffentlichen Rechts überführt wird.

Nach der Integration der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Unterkunftsalltag wird der Personalschlüssel schrittweise angehoben und die Qualität der Sozialarbeit verbessert: Das Unterkunfts- und Sozialmanagement in den Unterkünften unterstützt die Bewohnerinnen und Bewohner zunehmend beim eigenverantwortlichen Wohnen und stärkt ihre Selbstbestimmung.

Ungelöste Probleme

Organisatorische und wirtschaftliche Probleme, die in den 90er-Jahren insbesondere den Pflegebereich belasten, bleiben trotz der Umstrukturierungen ungelöst.

    

Frühe 2000er – Entstehung von Fördern & Wohnen

Anfang der 2000er-Jahre führt ein Regierungswechsel in Hamburg dazu, dass die Privatisierung der unterfinanzierten städtischen Pflegeheime sowie der Einrichtungen der Eingliederungshilfe eingeleitet wird. Der Pflegebereich wird in eine GmbH überführt und 2006 verkauft. Die verbleibende AöR erhält 2007 den Namen f & w fördern und wohnen AöR. Geschäftsführer wird Dr. Rembert Vaerst. 2008 wird die Privatisierung der Eingliederungshilfe gestoppt. Ihre Angebote werden stattdessen fachlich und organisatorisch weiterentwickelt. Da kaum noch Asylsuchende nach Hamburg kommen, werden viele Unterkünfte geschlossen.

 

2010er – Herausforderung „Flüchtlingskrise“

Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien beginnt, nimmt die Zahl von Zufluchtsuchenden in Deutschland  wieder zu. Mitte der 2010er-Jahre sind weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Immer mehr Menschen suchen Schutz in Hamburg. Im Spätsommer 2015 kommen täglich mehrere Hundert Geflüchtete in der Stadt an. Mitte September 2015 befinden sich rund 15.000 Asylsuchende in Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen. Ende 2012 waren es nur knapp 400.

Die Standorte sind schnell überlastet. Monatelang werden teils über Nacht neue Standorte in leerstehenden Baumärkten oder auf Parkplätzen eröffnet. Die Erstaufnahme Schnackenburgallee wächst zu Hamburgs größter Flüchtlingsunterkunft mit zeitweise rund 2.500 Menschen heran. In der ganzen Stadt wird nach Flächen und Gebäuden gesucht, und ein intensives Bauprogramm beginnt.

Aufbau des Projekt- und Immobilienmanagements

F&W baut seine Abteilung Gebäudemanagement zum Projekt- und Immobilienmanagement aus, das seit 2015 von einem weiteren Geschäftsführer, Roberto Klann, geleitet wird. Auch in allen Bereichen wird Personal aufgestockt. Die Welle der Hilfsbereitschaft in Hamburg ist enorm. Zeitweise engagieren sich über 4.000 Freiwillige in den Unterkünften.

Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe

Während die „Flüchtlingskrise“ die öffentliche Wahrnehmung dominiert, entwickelt F&W das Angebot für Menschen mit Handicap entscheidend weiter.

In Farmsen werden stationäre Angebote in ambulante umgewandelt und geben Menschen mit psychischer Erkrankung mehr Selbstbestimmung dank eigener Haushalte in Wohngemeinschaften oder Mietwohnungen.

2014 legt F&W den Grundstein für das Wohnhaus Hermann-Westphal-Straße, den ersten Wohnungsneubau im Geschäftsbereich Begleitung und Teilhabe. Und unterzeichnet die „Rahmenvereinbarung Eingliederungshilfe“: Sie greift die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention auf und schafft mit einem festen Trägerbudget Finanzierungssicherheit und Gestaltungsfreiheit für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

   

Gegenwart – Neue Aufgaben

Ende 2016 geht Geschäftsführer Dr. Rembert Vaerst in den Ruhestand. Seitdem führt, neben Roberto Klann, Dr. Arne Nilsson Fördern & Wohnen als Sprecher der Geschäftsführung das Unternehmen. Im selben Jahr ändert die Hamburger Bürgerschaft das Anstaltserrichtungsgesetz für F&W: Das Unternehmen soll in den Bau von Sozial- und freifinanzierten Wohnungen einsteigen.

Wohnungsbau und sozial gemischte Quartiere

2019 ist der Kapazitätsaufbau in Hamburg geschafft: Alle Menschen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen, die Anspruch auf Unterbringung in einer Wohnunterkunft haben, bekommen einen Platz. Die prekären Großstandorte sind abgebaut. In Neubauwohnungen, wie der Unterkunft mit der Perspektive Wohnen Am Gleisdreieck,  werden Geflüchtete auf das Leben im eigenen Wohnraum vorbereitet.

Das Projekt- und Immobilienmanagement von F&W widmet sich zunehmend dem Wohnungsbau und schafft an der Ohlendiekshöhe und am Hafenbahnpark große, sozial gemischte Quartiere. Fördern & Wohnen bietet hier erstmals Mietwohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt an.

Stärkung der Bewohner-Beteiligung

Was in den Angeboten für Menschen mit Handicap schon lange selbstverständlich ist, hält Einzug in den Unterkünften für Geflüchtete: Die Beteiligung und Mitsprache von Bewohnerinnen und Bewohnern wird bereichsübergreifend gestärkt.

Fördern & Wohnen
Heidenkampsweg 98
20097 Hamburg
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